Geißlers Lupe
Das Thema Genuss aus vier verschiedenen Blickwinkeln betrachtet
(Kolumne) Vier Blickwinkel? Ja, zunächst einmal aus der Sicht des Konsumenten, denn das bin ich schließlich auch. Durch meine Zeit in der Gastronomie, im Cigarren-Vertrieb mit Tastings und den Kontakt zu den Machern der Cigarren habe ich weitere Blickwinkel auf das Thema Genuss gewonnen. Und nun bin ich Einzelhändler. Das eine ist genauso spannend wie das andere, und jeder dieser Punkte hat etwas für sich, wobei ich ja zusätzlich auch immer der Konsument bin und bleibe.
In den vielen Jahren und Jahrzehnten, die ich in der Gastronomie verbracht habe, habe ich viele Entwicklungen miterlebt. Ich erlebte den Niedergang des guten Services, auch bei Getränken gab es einige Veränderungen. Stolz präsentierten wir damals Weine, deren Rebsorten Carmina, Faberrebe, Mariensteiner, Albalonga, Perle oder Rieslaner hießen. Viele Gastronomen mussten erst lernen, die Bezeichnung „Rheinpfalz” zu schreiben – abschreiben von einer Flasche soll ja heute immer noch nicht ganz so einfach sein. Barrique aus Deutschland war ein Tafelwein, weil er keine Qualitätsweinprüfung bestand, und Chardonnay wurde als Weißburgunder deklariert – das war streng geheim. Damals kannten wir nur R(h)um. Bacardi kam mit einem achtjährigen Rum auf den Markt – wir schauten alle etwas ratlos, als wir ihn probieren sollten. Ich erinnere mich noch gut an die Gesichter der Gäste, wenn man mit dem Digestifwagen am Tisch stand und einen ‚Bacardi 8‘ empfahl. Rum kippt man in den Tee oder die Cola, so war es zumindest damals. Das ist nun gut 25 Jahre her. Heute haben wir eine Flut von Rum aus aller Herren Ländern. Auch die Gesetze haben sich angepasst, ein Rum darf maximal 20 Gramm Zucker enthalten. Rhum – in der Regel aus Frankreich – darf keinen Zucker zugesetzt bekommen.
All diese Getränke werden hinterfragt. Der Neigungswinkel des Weinbergs, die Hektarleistung und die Zusammensetzung der Cuvée. Waren die Barriques neu oder handelte es sich um die Zweitbelegung? Und welche Stufe hatte das Toasting? All das wird hinterfragt und man bekommt Antwort. Nun aber zur Cigarre: sie ist aus der Dominikanischen Republik, also leicht, hört man immer wieder – oder die dunkle Cigarre ist die starke Variante. Da springe ich kurz aus der Hose, Einlage aus Nicaragua, und so weiter…
Und der Konsument? Gerade hat er noch mit dem Winzer darüber diskutiert, ob der gesamte Boden der Einzellage aus Grauschiefer besteht oder ob auch Blauschiefer vorhanden ist. Gerade noch hat er die Maischestandzeit seines geliebten Roten erfahren, da gibt er sich mit der Auskunft „aus der Dominikanischen Republik, mit ecuadorianischem Deckblatt” bei Zigarren zufrieden. Wenn ich in ein Geschäft für gute Bücher gehe, erschlägt mich die Literatur zu Wein, R(h)um, Whisk(e)y und Tequila. Und Cigarren? Nichts, gar nichts, überhaupt nichts. Also frage ich das Internet, doch auch dort sind nur wenige Bücher über Cigarren zu finden. Die meisten sind zwar nett geschrieben, enthalten aber nur seichte Informationen.
Und nun? In den Prospekten steht mehr: San Vicente, Mejorada Seco, Semilla Seco 56, Cubra oder Mata Fina. Auch die Begriffe Cameroon und Connecticut sind zu lesen. Die Informationen dazu sind also vorhanden. Nun müssen wir wieder zu dem zurückkehren, was wir alle sind: Konsumenten. Wir können wir also bei der Cigarre also die gleiche Neugier entwickeln wie bei den anderen Genussmitteln, die wir so lieben. Damit komme ich zu meiner letzten Frage für heute: Hat es beim Wein, R(h)um, Whisk(e)y geschadet?
