Gedanken über ein gutes Leben: Die beste Cigarre war gar nicht die beste Cigarre

Die Oktober-Kolumne von Mike Aßmann

(Kolumne) Fragt man Cigarrenliebhaber nach der besten Cigarre ihres Lebens, erwartet man eigentlich einen Namen. Vielleicht noch ein Format, einen Jahrgang oder die ehrfürchtig vorgetragene Geschichte einer Kiste, die heute selbstverständlich nicht mehr zu bekommen ist. Doch manchmal beginnt die Antwort ganz anders. „Das war damals, auf dieser Terrasse, in der Bar…“.

Und schon geht es um einen Abend. Um jemanden, der mit am Tisch saß. Um ein Essen, das längst abgeräumt war, und ein Gespräch, für das niemand auf die Uhr schaute. Die Cigarre kommt in dieser Geschichte auch vor. Nur weiß wo möglich keiner mehr so genau, welche es war. Das finde ich bemerkenswert. Da beschäftigen wir uns mit Herkunft, Reifung und Formaten, diskutieren Zugwiderstand und Abbrand – und bei einer unserer liebsten Erinnerungen können wir nicht einmal die Bauchbinde zuverlässig beschreiben. Gut, einige von uns könnten vermutlich auch die Bauchbinde noch zeichnen. Den Abend haben wir dagegen sofort wieder vor Augen. Den wackeligen Tisch. Die kühler werdende Luft. Den Freund, der eigentlich längst aufbrechen wollte und dann doch noch lange sitzen blieb. Vielleicht wissen wir sogar noch, worüber wir gesprochen und so gelacht haben.

Natürlich gibt es sie, die Cigarren, die uns durch ihre Qualität im Gedächtnis bleiben. Eine ungewöhnliche Aromatik, eine Entwicklung, mit der man überhaupt nicht gerechnet hat, diese seltene Selbstverständlichkeit, mit der alles zusammenpasst. Sich dafür zu begeistern, gehört zum Hobby. Sonst könnten wir uns die vielen Gespräche darüber sparen. Und das wäre nun wirklich schade. Trotzdem lässt sich der schönste Genussmoment erstaunlich schlecht aus den Eigenschaften einer Cigarre vorhersagen. Die lange gesuchte Rarität kann an einem unruhigen Abend beinahe an uns vorbeigehen. Man sitzt zwar im Sessel, ist gedanklich aber noch bei einer unerledigten Aufgabe. Das Telefon leuchtet auf. Eine Nachricht wird beantwortet, dann noch eine. Irgendwann schaut man auf die Cigarre und stellt fest, dass man vom zweiten Drittel wenig mitbekommen hat.

Und dann gibt es die andere Situation: Jemand öffnet seine Kiste, bietet eine Cigarre an und sagt: „Hier, probier mal.“ Keine große Ankündigung, keine Erwartungen, die erst einmal erfüllt werden müssen. Man setzt sich dazu. Das Gespräch findet seinen Weg. Und aus einem gewöhnlichen Abend wird einer, von dem wir noch lange reden werden. Es kann durchaus sein, dass die Cigarre einen leicht schiefen Abbrand hatte. Vielleicht musste sie einmal nachgezündet werden. In der Erinnerung spielt das jedoch keine Rolle mehr. Dort sitzt noch immer die ganze Runde am Tisch.
Wer versucht hat, einen solchen Abend zu wiederholen, kennt allerdings auch die Tücke daran. Man kauft dieselbe Cigarre, stellt dasselbe Getränk bereit und freut sich auf ein Wiedersehen mit dem damaligen Gefühl. Die ersten Züge sind vertraut. Alles ist gut. Nur stellt sich dieser besondere Moment nicht auf Bestellung ein. Es fehlt vielleicht jemand. Oder man selbst ist an diesem Tag ein anderer. Manchmal reicht schon die Erwartung, dass es wieder genauso schön werden muss, um der Sache im Weg zu stehen. Eine Cigarre lässt sich oft nachkaufen. Ein besonderer Abend hat keine Artikelnummer. Das ist eigentlich eine tröstliche Erkenntnis. Denn sie bedeutet auch, dass der nächste besondere Moment keine seltene Kiste voraussetzt. Er könnte mit einer ganz gewöhnlichen Cigarre beginnen, die schon seit Wochen im Humidor liegt. An einem freien Nachmittag. Bei einem unverhofften Besuch. Oder allein, wenn nach einem anstrengenden Tag endlich Ruhe einkehrt und man wieder Zeit hat, die eigenen Gedanken zu Ende zu denken.

Und genau deshalb sollten wir uns gelegentlich eine andere Frage stellen. Neben „Was hast du zuletzt geraucht?“ auch einmal: „An welche Cigarre erinnerst Du Dich besonders gern?“ Die Antwort dürfte etwas länger ausfallen. Wahrscheinlich erfahren wir dabei mehr über den Menschen als über seinen Humidor. Und mit etwas Glück erzählt jemand von einer Terrasse, einer edlen Bar, einem wackeligen Tisch und einem Freund, der doch noch geblieben ist. Welche Cigarre es war, fällt ihm vielleicht später wieder ein.

Zitat Henke Kelner: Die beste Cigarre ist die, die Dir gerade schmeckt.

Herzliche Grüße
Ihr
Mike Aßmann
Unternehmer, Foodhunter und Coach
https://www.gourmet-manufactory.com