Geißlers Lupe
Die hohe Kunst des Jammerns
(Kolumne) Der Wind frischt auf, der Regen wird häufiger und die Terrassen schließen allmählich. Der Sommer hat seine Koffer gepackt und die Erinnerung an sonnige Tage verblasst. Weihnachten kann kommen. Doch statt sich auf die gemütliche Jahreszeit zu freuen, klagen wir lieber über die vermeintlich schlechte Zeit. Wo ginge das besser als an der Tankstelle? „Schau dir diese Preise an! Unbezahlbar! Früher war alles günstiger!“ Allgemeines Nicken, gepflegtes Selbstmitleid. Der wirtschaftliche Untergang scheint unmittelbar bevorzustehen.
Ein Blick auf die Fakten
Bevor wir dem vermeintlich günstigeren Leben von früher nachtrauern, halten wir kurz inne. Zünden wir uns eine Cigarre an, nehmen uns einen Schluck aus dem Glas und schauen auf die Zahlen. Denn sie können dabei helfen, gefühlte Wahrheiten von tatsächlichen Entwicklungen zu unterscheiden. Wer heute den Benzinpreis sieht, bekommt schnell schlechte Laune. Doch wie lange musste ein durchschnittlicher Arbeitnehmer früher für einen Liter Kraftstoff arbeiten? Heute sind es laut den zugrunde gelegten Vergleichswerten rund vier bis fünf Minuten. In den 1950er-Jahren waren es mehr als 20 Minuten, in den 1970er-Jahren noch sechs bis sieben Minuten. Ein Blick zurück zeigt: Tanken war nicht immer so erschwinglich, wie die Erinnerung vermuten lässt.
Wein und Champagner: Luxus im Wandel
Auch bei Wein lohnt sich ein Vergleich. Ein guter Alltagswein vom Winzer kostet heute etwa acht bis zehn Euro. Dafür arbeitet man im Schnitt 35 bis 40 Minuten. In den Wiederaufbaujahren war ein vergleichbarer Tropfen für viele ein Luxusgut. Selbst eine Flasche Winzer-Champagner lässt sich heute mit etwa zwei bis zweieinhalb Arbeitsstunden finanzieren. In den 1960er-Jahren konnte sie einen erheblich größeren Teil des Tagesverdienstes verschlingen.
Die Cigarre im Kaufkraftvergleich
Auch in unserer Branche sind die Preise gestiegen. Rohstoffknappheit und höhere Logistikkosten verteuern handgefertigte Premium-Longfiller. Rund elf Euro für eine hochwertige Cigarre entsprechen nach den zugrunde gelegten Vergleichswerten etwa 45 Minuten Arbeitszeit. Früher waren handgerollte Importe aus Übersee vielerorts rare Exoten, für die man einen deutlich größeren Teil seines Verdienstes aufbringen musste.
Wohlstand ist mehr als der Blick auf den Kassenbon
Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild als die tägliche Jammerlitanei. Trotz Inflation, Krisen und wirtschaftlicher Unsicherheit können sich heute viele Menschen Dinge leisten, die für frühere Generationen deutlich schwerer erreichbar waren. Allerdings ist die Kaufkraft nicht für alle gleich und finanzielle Sorgen sind keineswegs unbegründet. Dennoch lohnt es sich, gelegentlich die Perspektive zu wechseln.
Zeit für die schönen Dinge des Lebens
Wir leben in einem Teil der Welt, in dem nicht nur das Überleben, sondern auch die Freizeitgestaltung zählt. Es geht um gute Gespräche, einen passenden Raum zur Cigarre, edle Tropfen im Glas und gemeinsame Stunden in angenehmer Atmosphäre. Das sind kleine Luxusmomente, die nicht selbstverständlich sind und die wir bewusster schätzen könnten.
Weniger jammern, mehr genießen
Wenn sich die geselligen Runden wieder nach drinnen verlagern, die Lounges sich mit dem Duft von Tabak, Holz und Kaffee füllen und draußen der Herbstwind aufzieht, können wir das Meckern einfach einmal vor der Tür lassen. Legen wir das Smartphone beiseite, gönnen wir uns eine Pause von den täglichen Schreckensmeldungen und konzentrieren wir uns auf das, was wirklich zählt.
Der Herbst gehört den gemütlichen Stunden
Die kühlen Tage stehen bevor, die Vorweihnachtszeit kündigt sich an. Wir haben ein Dach über dem Kopf, die Cigarre im Humidor und den Wein im Regal. Natürlich ist nicht alles gut. Wenn wir uns jedoch solche Auszeiten leisten können, sollten wir sie auch genießen. Schließlich arbeiten wir nicht nur, um Rechnungen zu bezahlen, sondern auch, um unser Leben zu gestalten.
Ihr/Euer
Thomas Geißler
Inhaber ‚Zigarrenkombinat Eisenach‘ und Vertriebsleiter ‚Les Privatiers‘
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