Geißlers Lupe
Ab in den Urlaub / Die schönste Jahreszeit im Jahr
(Kolumne) Es ist der klassische Traum eines jeden Genießers: Der Koffer ist gepackt, die Urlaubsstimmung ist auf dem Höhepunkt und man malt sich bereits aus, wo man schön eine Cigarre genießen könnte. Auf der Terrasse des Hotels oder am Pool. Und so fährt oder fliegt man freudig los. Für den Notfall hat man etwas dabei, aber sicher gibt es ja einen Laden. Entspannt kommt man an und der Urlaub kann beginnen.
Mal schnell googeln, wo der nächste Cigarrenladen ist. Hier wird das Erwachen oft böse. Gerade auf dem Balkan, in Frankreich und in Skandinavien können die Wege sehr weit werden. Mit etwas Glück ist der Humidor halbwegs befeuchtet und die Cigarren sind noch genießbar. Man stellt sich eine urige Lounge mit gut gelaunten Aficionados vor, eine Beratung auf Augenhöhe und Regale voller rarer Schätze, die im heimischen Humidor schon lange ausverkauft sind oder die es dort nie gab. So etwas gibt es, aber meist muss man sehr lange suchen. Die Realität holt einen meist schneller ein als der Jetlag.
Was unsere Tabakkultur angeht, sind wir Deutschen verdammt verwöhnt. Das wird uns oft erst schmerzlich bewusst, wenn wir die Landesgrenzen überqueren. Wer hierzulande einen gut sortierten Fachhändler besucht, betritt eine Oase. Oft gibt es begehbare Humidore oder gut gefüllte Schränke. Die Luftfeuchtigkeit ist gut austariert, die Händler können und wollen beraten und dies auch dürfen. Es gibt Lounges, die zum Verweilen einladen und in denen man schnell Anschluss an Gleichgesinnte hat.
Wenn man mit dieser Erwartungshaltung in die Ferne fliegt, folgt im Ausland prompt der Kulturschock im Tabakformat. Schon beim Überqueren der Grenze heute geht es los. In Belgien sieht man nichts, denn Beratung ist untersagt. Man kann sich anhand einer Liste etwas aussuchen. Anschauen oder Fragen ist nicht möglich. Die Lounges sind wie in den Niederlanden geschlossen. Dazu zieren Schockbilder die Kisten. In Frankreich sind die Wege oft weit und eine Lounge sucht man, wie auch in unserem Lieblingsurlaubsland Österreich, vergebens. In Slowenien gibt es nur ein Geschäft, das muss man schon einplanen. Auf dem Balkan ist es zwar locker, wenn die Cigarre mal brennt, aber sie sind nicht ganz so einfach zu bekommen. Skandinavien ist nun auch nicht gerade für seine große Tabak- und Pfeifenkultur bekannt. In Großbritannien und Australien sollte man sich auf horrende Preise einstellen. In Mexiko ist fast überall das Rauchen untersagt.
Hat man einen kleinen Laden gefunden, beginnt das Elend meist schon bei der Lagerung. Wer im Urlaub auf der Suche nach einer guten Cigarre ist, landet nicht selten in Geschäften, die das Prädikat „Fachhandel“ nur auf dem Papier verdienen. Dort steht dann ein bemitleidenswerter, gläserner Schrankhumidor in der prallen südländischen Sonne. Wie hoch ist die Luftfeuchtigkeit darin? Ein reines Glücksspiel. Entweder herrscht dort eine saharaähnliche Dürre, bei der das Deckblatt schon beim bloßen Anschauen Risse bekommt, oder das Gerät wurde so gut gemeint überwässert, dass die Cigarren bereits einen eigenen pelzigen Mikrokosmos entwickeln.
Hat man dann tatsächlich ein Exemplar ergattert, das weder staubtrocken zerbröselt noch durch Nässe Schaden nimmt, folgt der Blick auf die Auswahl. Von wegen „rare Schätze“. In den meisten touristischen Regionen regiert die absolute Monotonie. Die ewig gleichen drei Standardmarken sind lieblos in die Regale geschichtet. Wer nach handwerklichen Besonderheiten, Nischen-Boutique-Blends oder einer echten Vielfalt an Formaten sucht, erntet von den Mitarbeitenden meist nur einen glasigen Blick. Beratung? Fehlanzeige! In Spanien zum Beispiel werden aus eigenem Tabak eigene Cigarren gerollt. Die sind gar nicht schlecht, gerade auf den Inseln bekommt man sie. Spätestens im Hotel wird einem klar: Den Abend mit einem Getränk und einer Cigarre auf der Terrasse genießen – das wird nichts.
Mein Tipp ist, immer einen großen Reisehumidor mitzunehmen. Informiert euch vorher, was ihr mitnehmen dürft. Wenn es vor Ort nichts Leckeres gibt, ist das auch nicht weiter schlimm. Wenn es etwas gibt und man Glück hat, kann man die dortigen Schätze genießen. In diesem Sinne: Immer schön vorbereitet sein und sich dann wieder auf den Fachhändler zu Hause freuen! Das ist doch auch was.
Ihr/Euer
Thomas Geißler
Inhaber ‚Zigarrenkombinat Eisenach‘ und Vertriebsleiter ‚Les Privatiers‘
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