Gedanken über ein gutes Leben: Warum wir die Stille wieder lernen müssen
Die Juli-Kolumne von Mike Aßmann
(Kolumne) Es gibt einen Satz, den ich in den vergangenen Jahren immer häufiger gehört habe: „Ich habe einfach keine Zeit.“ Vielleicht hast Du ihn selbst auch schon einmal gesagt. Ich kenne ihn jedenfalls nur zu gut.
Dabei leben wir in einer Zeit, in der uns Technik so vieles erleichtert. Computer arbeiten schneller als je zuvor, Smartphones nehmen uns unzählige Aufgaben ab und künstliche Intelligenz verspricht, unseren Alltag noch effizienter zu machen. Eigentlich müsste unser Leben dadurch entspannter geworden sein. Doch wenn ich mich umschaue, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Viele Menschen haben das Gefühl, ständig unterwegs zu sein, immer noch etwas erledigen zu müssen und nie wirklich anzukommen.
Ich frage mich manchmal, ob wir nicht etwas Entscheidendes verlernt haben: die Stille auszuhalten.
Kaum entsteht irgendwo eine ruhige Minute, greifen wir fast automatisch zum Smartphone. Wir lesen Nachrichten, beantworten E-Mails oder scrollen durch soziale Netzwerke. Es scheint, als müssten wir jede freie Sekunde mit irgendetwas füllen. Dabei waren es in meinem eigenen Leben oft genau die stillen Momente, die mich am meisten weitergebracht haben.
Nicht während eines Meetings. Nicht zwischen zwei Terminen. Und auch nicht in den besonders hektischen Phasen meines Unternehmens. Es waren die Augenblicke dazwischen. Die Momente, die ich im Hier und Jetzt erleben durfte.
Während einer Wanderung durch die Berge Sardiniens. Beim Blick über das Meer auf dem Peloponnes. Auf einer kleinen Piazza in Lucca, wo ältere Männer stundenlang zusammensitzen, einen Espresso trinken und scheinbar nichts Besonderes tun. Oder abends vor meinem Dachzelt, wenn nach einem langen Tag langsam Ruhe einkehrt und außer dem Wind kaum etwas zu hören ist.
Gerade auf meinen Foodhunter-Reisen begegnet mir immer wieder eine Gelassenheit, die mich beeindruckt. Die Menschen dort wirken nicht weniger fleißig oder engagiert als wir. Sie arbeiten hart, kümmern sich um ihre Familien und tragen Verantwortung. Aber sie scheinen besser zu wissen, wann es Zeit ist, den Tag für einen Moment anzuhalten. Sie nehmen sich Zeit für ein Gespräch, für ein gemeinsames Essen oder einfach dafür, das Leben zu beobachten. Niemand hat das Gefühl, dabei wertvolle Zeit zu verlieren. Im Gegenteil – vielleicht gewinnen sie genau dadurch etwas, das vielen von uns langsam verloren gegangen ist.
Je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass Stille kein leerer Raum ist, der gefüllt werden muss. Sie ist ein Raum, in dem Gedanken auf die Reise gehen dürfen. Ein Raum, in dem wir wieder beginnen, uns selbst zuzuhören.
Die besten Ideen meines Lebens hatte ich selten am Schreibtisch. Sie kamen auf Reisen, beim Wandern, während langer Autofahrten oder in Gesprächen mit Menschen, die ihre ganze Aufmerksamkeit dem Moment schenkten. Immer dann, wenn mein Kopf aufgehört hatte, ständig nach der nächsten Aufgabe zu suchen.
Ich glaube heute, dass genau das eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist: nicht noch schneller zu werden, sondern wieder langsamer werden zu können. Nicht weniger zu leisten, sondern bewusster zu leben. Denn Ruhe ist für mich längst kein Zeichen von Untätigkeit mehr. Sie ist eine Voraussetzung für Klarheit. Und Klarheit führt fast immer zu besseren Entscheidungen als Hektik.
Auch deshalb gehört dieser Gedanke für mich heute zu den wichtigsten Aspekten rund um Longevity. Ein langes, gesundes und glückliches Leben entsteht nicht nur durch gutes Essen oder regelmäßige Bewegung. Es entsteht auch durch die Fähigkeit, immer wieder Inseln der Ruhe zu schaffen. Momente, in denen nichts passieren muss. Momente, in denen wir einfach nur da sind.
Denn manchmal hören wir die wichtigsten Antworten unseres Lebens erst dann, wenn es um uns herum endlich ruhig geworden ist.
Herzliche Grüße
Ihr
Mike Aßmann
Unternehmer, Foodhunter und Coach
https://www.gourmet-manufactory.com
