Brinkmann´s letzte Runde: Das Ende nach 208 Jahren Bremer Tabakgeschichte

Brinkmann-Produktion schließt im Sommer 2021 / Betroffen sind 74 Mitarbeiter

(WK/sp) Das allerletzte Kapitel des Bremer Tabakwarenherstellers Brinkmann ist aufgeschlagen. Voraussichtlich zum Juli 2021 wird das Traditionsunternehmen sein Werk am Bremer Kreuz für immer schließen. Nach Unternehmensangaben sind davon alle 74 Mitarbeiter betroffen. Ihnen hat Geschäftsführer Christian Hinz vor wenigen Tagen auf einer Betriebsversammlung diese traurige Nachricht mitgeteilt. Hinz sagte dem WESER-KURIER: „Die Geschäftsführung und die Gesellschafter haben sich diese Entscheidung nicht einfach gemacht.“ Der Geschäftsführer hat bereits einen ersten Gesprächstermin mit dem Betriebsrat vereinbart. Dabei soll es um Abfindungen und weitere Schritte gehen, wie man diese unternehmerische Entscheidung für die Mitarbeiter abmildern könne.

Für viele kam die Mitteilung überraschend. Nach Angaben der Geschäftsführung sind die Beschäftigten im Alter zwischen 25 und 61 Jahren, unter ihnen sind Maschinenführer, Schlosser und Techniker. Sie produzieren im Drei-Schicht-Betrieb Filterhülsen für Zigaretten sowie Eindrehfilter für die Selbstgedrehten. Bei manchen der Mitarbeiter arbeiteten bereits Vater und Großvater für Brinkmann.

Die Produktion ist Teil von Gizeh Raucherbedarf mit Sitz in Gummersbach bei Köln. Diese Firma ist bekannt für ihre Zigarettenblättchen und Filter in der gelben Verpackung mit der Pyramide drauf. Gizeh ist wiederum eine Tochter der niederländischen Unternehmensgruppe Mignot & De Block. Die hat rückwirkend zum Oktober über ihre andere Tochter, die F+C Papiervertriebsgesellschaft, in Trossingen bei Stuttgart eine Produktion zur Herstellung von Filterhülsen übernommen. Dabei handelt es sich um das einstige Efka-Werk, den weltgrößten Hersteller von Zigarettenhülsen. Diese Produktion zusammen mit dem Bremer Werk – das seien für das Unternehmen zu viele Kapazitäten. Efka selbst hatte die Produktion an dem Standort in Baden-Württemberg im ersten Halbjahr selbst wegen Überkapazitäten eingestellt. Hinz sagt, warum man sich am Ende für Trossingen und gegen Bremen ausgesprochen habe: „Dort ist einfach mehr Platz, um nicht nur Zigarettenhülsen zu produzieren.“ Es eröffne Möglichkeiten, sich in der Zukunft mit anderen Produkten breiter aufzustellen. Am Ende sei diese Entscheidung auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit gewesen.

Für Bremen wird also im kommenden Sommer nach 208 Jahren ein Stück Tabakgeschichte für immer enden. Denn es war im Jahre 1813, als der Bremer Kaufmann Nicolaus Wilkens in der Faulenstraße eine kleine Tabakhandlung eröffnete und dort Tabak zum Rauchen, Kauen und Schnupfen verkaufte. Kau- und Schnupftabak. Das Geschäft lief gut, sodass er drei Jahre später in Burgdamm bei Bremen eine Tabakfabrik gründete. 1878 erwarb der Kaufmann Martin Brinkmann das Unternehmen und gab ihm seinen Namen. 1910 zog die Produktion nach Bremen-Woltmershausen. Und 1929 war Brinkmann bereits die größte Tabakfabrik Europas.

In den 1960er-Jahren feierte die Bremer Firma große Erfolge mit Marken wie „Peer Export“ oder „Lord Extra“. Letztere war die meistgerauchte nikotinarme Zigarette der Welt. Dann stieg der Rupert-Konzern ein und übernahm bis 1972 alle Aktien der Martin Brinkmann AG. Sie wurde Teil von Rothmans International. In den 1980er-Jahren begann die Phase der Entlassungen. Wegen der Verlagerung von Produktionsteilen in andere Städte wie Berlin blieben von mehr als 2000 Arbeitsplätzen nur noch 800. Als 1999 Rothmans mit British American Tobacco (BAT) fusionierte, firmierte das Bremer Werk fortan wieder unter dem Namen Brinkmann Tabakfabriken GmbH. Als 15 Jahre später Mignot & De Block einstieg, wurde das Bremer Filterhülsenwerk nach Hemelingen verlagert. Am ehemaligen Standort in Woltmershausen sind bereits unter dem Namen „Bremer Tabakquartier“ erste Wohnungen und Büros entstanden.

Am Bremer Kreuz werden jedes Jahr mehr als vier Milliarden Zigarettenhülsen produziert. Wenn die Beschäftigten in der Vergangenheit gefragt wurden „Brinkmann, die gibt es noch?“, konnten sie mit Stolz „Ja, die gibt es noch“ antworten. Einige von ihnen tragen während der Schicht sogar noch die alten roten Brinkmann-Shirts mit dem markanten Logo. Bei einem Werksbesuch im vergangenen Jahr sprach Geschäftsführer Hinz über die große Konkurrenz und den hart umkämpften Markt: „Allein in Polen gibt es 20 Hülsenproduzenten. Sie müssen qualitativ besser sein als die anderen Wettbewerber.“ Dazu komme zusätzliche Konkurrenz aus anderen osteuropäischen EU-Ländern wie Rumänien.

Aus Sicht der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sei diese Entscheidung bitter, wie Gewerkschaftssekretär Moritz Steinberger sagte: „Nun geht es darum, mit der Geschäftsführung für die Mitarbeiter einen entsprechenden Sozialplan zu entwickeln.“ Aus Verhandlungen in der Vergangenheit kann Steinberger berichten, dass beide Seiten immer auf Augenhöhe miteinander gesprochen haben. Momentan sieht es nicht danach aus, dass Beschäftigte nach Trossingen wechseln können. Grundsätzlich müssten die Gespräche erst mal in Gang kommen.

Noch sei es schwer vorstellbar, dass das Kapitel Brinkmann in Bremen für immer enden wird. An den einstigen Stolz des Unternehmens wird auch in Zukunft das Wandmosaik in der Eingangshalle des Bremer Hauptbahnhofs erinnern – und an Zeiten, als Bremen für Tabak, Kaffee, Kakao und Holz neben Hamburg der wichtigste Einfuhrhafen war.

Foto Weser Kurier: So sah damals Qualitätskontrolle aus – Tester rauchen im Probenzimmer den Rohtabak

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