Mythos Marbella: ein Club wird 65

Marbella Club Hotel feiert Jubiläum und eine Gallionsfigur schaut zurück

(pm/sp) In Marbella gaben sich einst Promis wie Gunter Sachs und Brigitte Bardot, wie Grace Kelly und Fürst Rainier die Klinke in die Hand. Alfonso Prinz zu Hohenlohe und sein Hotel standen im Mittelpunkt des Jetset-Rummels an der Costa del Sol. Was ist vom Mythos geblieben?

Auf einem orientalisch ausstaffierten Esel kommt Alfonso Prinz zu Hohenlohe im Scheichkostüm auf die Party geritten. «Arabian Nights» lautet das Motto der Sause im berühmten Marbella Club Hotel – und die Reichen und Schönen, darunter US-Filmstar Mel Ferrer im gestreiften Kaftan, sind in Scharen gekommen, um mitzufeiern. «Damals gab es jede Woche eine Themen-Party», erinnert sich Rudolf Graf von Schönburg an die Golden Sixties und die Glorious Seventies, wie er jene Jahrzehnte nennt, in denen der internationale Jetset an Marbella und Alfonso (1924-2003) nicht vorbeikam. Und wie ist es heute um das Städtchen bestellt?

Ein Blick zurück. «Conde Rudi», wie der 86-Jährige allseits liebevoll betitelt wird, begann 1957 als frischgebackener Absolvent der Hotelfachschule in Lausanne seine Laufbahn im Marbella Club und führte die 1954 eröffnete Luxusherberge seines Vetters Alfonso später jahrzehntelang als Direktor. Sein geschäftstüchtiger Cousin war viel in St. Moritz und Hollywood unterwegs und rührte fleißig die Werbetrommel für das kleine Paradies in Südspanien. Alfonso galt nicht nur als galanter Playboy, sondern war auch für Skandale gut – etwa, als er 1955 im Alter von 31 Jahren die erst 15-jährige Ira von Fürstenberg ehelichte.

Conde Rudi war vielleicht nicht die strahlende Galionsfigur des Unternehmens Marbella Club – aber er hat sie alle persönlich gekannt, sie umsorgt, mit ihnen gefeiert und ihre Aufenthalte bis ins Detail betreut: Gunter Sachs und Brigitte Bardot, Audrey Hepburn und Sean Connery, Maria Callas und Aristoteles Onassis, James Stewart, Gina Lollobrigida, Kim Novak, Rennfahrer-Legende James Hunt und Milliardär Adnan Kashoggi – auch Bundeskanzler, Aristokraten, Monarchen.

Noch heute kommt der Onkel von Gloria von Thurn und Taxis jeden Tag ins Hotel, schließlich sei die Luxusherberge «sein Baby», lächelt Conde Rudi und nimmt auf einem der weißen Korbsessel im typisch andalusisch gestalteten Patio Platz. Keiner kann besser als er aus dem Nähkästchen plaudern, wenn es um die Glanzzeit Marbellas geht, als der andalusische Ort in einem Atemzug mit Saint-Tropez, Monte Carlo und Capri genannt wurde.

«Wir haben fast jeden deutschen Kanzler hier gehabt, außer Helmut Schmidt, der kam nur zum Essen vorbei», erzählt Graf von Schönburg. «Der Schmidt meinte: «Ich kann doch nicht im Marbella Club wohnen! Das ist viel zu jetsetty, zu viel Highlife!»» Aber beim Essen sei er dann doch «glücklich» gewesen, «und der Franz Josef Strauß sowieso».

Und wer war sein Favorit unter den Hollywood-Stars? «Audrey Hepburn mochte ich besonders gerne, das war eine echte Dame», sagt Conde Rudi, und sein Blick schweift voller Stolz über die tadellos gepflegte Pflanzenwelt des Innenhofs. Trompetenblumen, Bougainvillea, Palmen und schattenspendende Baumriesen, darüber ein wolkenlos blauer Sommerhimmel. Eine Oase der Stille, in der schicke Gäste flanieren und Kellner in makelloser Livree Drinks servieren.

Fast jeder macht kurz Halt, um Graf von Schönburg zu begrüßen und kurz zu plaudern – er ist, obwohl schon lange offiziell im Ruhestand, bekannt wie ein bunter Hund. Kein Wunder: Den Mythos Marbella, er hat ihn aktiv mitgestaltet. «Schließlich habe ich 13 Jahre lang selbst im Hotel gewohnt, bin seit 63 Jahren im Städtchen – da wird man zu einer Institution.» Vor einigen Jahren wurde sogar eine Straße in Marbella nach dem Schönburg-Grafen benannt, die «Avenida Conde Rudi» – zu Lebzeiten eine ganz besondere Ehre.

Es sei kaum zu glauben, wie viele Celebrities der Marbella Club – der in seiner Anfangszeit nur 18 Zimmer hatte – in kurzer Zeit anlocken konnte. «Es gab Zeiten, wo es von bekannten Namen nur so gewimmelt hat. Jeder hat uns um unsere Kundschaft beneidet.» Aber für ihr Kommen wurden die Gäste auch reich entlohnt. «Sie wohnten schließlich nicht in schablonenartigen Hotelzimmern, sondern in Gästezimmern wie in einem Schloss, mit viel persönlichem Charme.» Und wie aus dem Ei gepellt, dank einer Haushälterin aus Böhmen, «die noch mit dem Finger unter den Betten auf Staub kontrolliert hat. Ein echter Hausdrachen war das», lacht Conde Rudi.

Wenige Kilometer entfernt befindet sich ein weiterer langjähriger Hotspot der High Society: der Reichenhafen Puerto Banús, 1970 vom Unternehmer José Banús eingeweiht. «Puerto Banús läutete eine neue Ära ein: Im Laufe der 70er Jahre sollte Marbella zum internationalen Anziehungspunkt werden, wo jeder, der etwas auf sich gab, zu sein hatte, und der Marbella Club war der Ort, wo man zu wohnen hatte», informiert die Website des Hotels.

Auch im Sommer 2019 liegen riesige Jachten vor der Promenade, viele gehören arabischen Ölmillionären, die die Gebühren der Hafenbetreiber von mehreren Hunderttausend Euro pro Quadratmeter locker aus dem Ärmel schütteln. Die Schaufenster der Designerläden von Louis Vuitton bis Dolce & Gabbana sind in schmucke weiße Häuser integriert, davor parkt neben schlichten Kleinwagen auch immer mal ein Porsche, ein Maserati, ein Lamborghini. Deren Besitzer lassen sich allerdings kaum in der Öffentlichkeit blicken. Stattdessen bewundern Touristen in Gummiflipflops und Muskelshirts die PS-starke Pracht und posieren grinsend neben den Nobelkarossen für ein Foto.

«Marbella ist aber auch heute noch eine Welt der Reichen», sagt der Franzose Sebastien, der als Kapitän millionenteure Jachten hütet und die vermögenden Besitzer zu Spritztouren auf das Mittelmeer fährt. «Es ist einer dieser Orte, wo die Leute zeigen können, was sie haben, und sich dabei mit anderen Reichen messen.» Im berühmten Ocean Club in Puerto Banús etwa, wo abends zu hippen Sounds aus aller Welt getanzt wird. Oder im Chiringuito (Strandrestaurant) des Hotels Puento Romano, wo Gäste mit «Seafood, Sangria and Sunsets» verwöhnt werden, wie es auf der Website heißt.

Hier kocht ein Deutscher. Thomas Stork aus Oberbayern, der unter anderem bei Sternekoch Heinz Winkler in Aschau im Chiemgau gelernt hat, verwöhnt heute als «Executive Chef» Spitzensportler, Musiker und Hollywood-Ikonen in den verschiedenen Restaurants des im Stil eines andalusischen Dorfes gebauten «Puente Romano».

Besonders berühmt ist sein «Sea Grill». Manuel Neuer und Toni Kroos haben schon die kulinarischen Kreationen des 46-Jährigen gekostet, ebenso wie Boris Becker, Supermodel Adriana Lima oder Mitglieder der spanischen Königsfamilie. Wer genau, das will Stork nicht verraten – Diskretion wird in Marbella großgeschrieben.

Die meisten Gäste kämen aus England, den USA, Deutschland und Frankreich, dazu «Präsidenten aus Afrika» sowie Russen und Araber. «Marbella ist heute wieder groß im Kommen», sagt Stork. «Wir haben die 60er Jahre zerquetscht», lacht er. Früher habe es nur wenige Luxushotels und höchstens drei richtig gute Restaurants im Ort gegeben, «heute gibt es total viele Fünf-Sterne-Hotels und Spitzenlokale auf sehr hohem Niveau». Dabei sei Marbella eine verhältnismäßig günstige Alternative zur Côte d’Azur.

Was viele immer wieder herlockt, ist das einzigartige «Mikroklima» des Örtchens mit stets angenehmen Temperaturen, selbst wenn im nahe gelegenen Málaga im Hochsommer Bullenhitze herrscht. Das haben Marbella und das wenige Kilometer entfernte Estepona dem Gebirgszug Sierra Blanca mit seinem höchsten Berg La Concha (1215 Meter) zu verdanken, in dessen Schutz sie liegen.

Die Folge: eine üppige, artenreiche Vegetation. Die ist vor allem in der kleinen aber feinen Altstadt zu bewundern: Von den Balkonen schlängeln sich Blumen an den Fassaden hinab, die romantischen Gässchen und kleinen Plätze sind mit Palmen, Sträuchern und Blüten gesprenkelt. Alfonso Prinz zu Hohenlohe nannte es das «Marbella-Aroma» – jene «verführerische Mischung aus Jasmin, Orangenblüten und Bougainvillea», wie er einmal schwärmte.

«Man sitzt hier wegen der Sierra quasi im toten Winkel, wie in einem Nest», erläutert Conde Rudi und deutet auf das Gebirge. Unterhalb liegen versteckt riesige Villen, die einflussreichen Familien wie den Thyssens oder den Rothschilds gehören. «Wenn es La Concha noch nicht gäbe, man müsste den Berg wegen seines Einflusses auf das Klima glatt erbauen…» Auch das Meerwasser ist erstaunlich frisch. Grund: Marbella liegt am Kreuzpunkt zwischen dem Mittelmeer und dem kalten Atlantik, kurz vor der Straße von Gibraltar.

Die Uferpromenade ist derweil ein bisschen weniger stilvoll. Gesichtslose Hochhäuser reihen sich aneinander, am Paseo Marítimo wimmelt es von billigen Souvenirständen und Bars mit Plastikstühlen. «100 Tapas ab 1 Euro», wirbt ein Schild vor einem Restaurant. Marbella ist erschwinglich geworden, auch für eine weniger kultivierte Kundschaft als die, die früher in das Städtchen einfiel. «Aber es könnte alles noch viel schlimmer sein, so wie es in Torremolinos nahe Málaga geschehen ist, wo unansehnliche Betonburgen die Landschaft zerstört haben», sagt Conde Rudi.

Dennoch, meint er nachdenklich, werde es nie mehr so sein wie in den 60er und 70er Jahren. «Das ist der Lauf der Dinge.» Auch im Marbella Club Hotel «quillt es nicht mehr über vor lauter Promis», erzählt er. Sting sei letztens dagewesen, auch Cristiano Ronaldo, Lady Gaga und Lenny Kravitz gehörten zu den Gästen. Zudem organisiere Alfonsos Sohn mittlerweile wieder freitags Patio-Partys. «Das bringt junges, lustiges Leben hinein.»

Aber ein bisschen Wehmut bleibt. Nach jenen Zeiten, «als elegante Leute kamen, die sich hübsch angezogen haben und einfach Spaß haben wollten», wie Conde Rudi es formuliert. Nach den Jahren der Kostümfeste im Beach Club unter freiem Himmel, «der besten Disco, die ich je gesehen habe». Nach den Abenden, an denen Alfonso und Rudi die neuesten Platten auflegten und Promis aller Couleur zusammen tanzten, tranken und turtelten. Und nach einem verkleideten Prinzen, der auf einem Esel zur arabischen Nacht geritten kommt.

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