Geißlers Lupe

Der Raucher als Schurke im Wandschrank

(Kolumne) Man braucht einen Schurken im Wandschrank. Das ist keine neue Erkenntnis und stammt auch nicht von mir. Der Kabarettist Volker Pispers hat dieses politische Prinzip immer wieder beschrieben. Wenn etwas schiefläuft, wird der Schurke aus dem Schrank geholt, kurz öffentlich vorgeführt und anschließend wieder zurückgestellt. Problem gelöst.

Der klassische Sündenbock
In der deutschen Politik wurde diese Rolle über viele Jahre hinweg vom Raucher übernommen. Zunächst vor allem der Zigarettenraucher. Fehlten dem Staat Einnahmen, wurde die Tabaksteuer erhöht. Ging es um gesundheitspolitische Ziele, wurde ebenfalls auf die Raucher verwiesen. Der Mechanismus war einfach: Steuer erhöhen, Verhalten beeinflussen und gleichzeitig zusätzliche Einnahmen erzielen. Zigarettenraucher galten dabei lange als vergleichsweise genügsame Zielgruppe. Sie murrten, zahlten und rauchten weiter. Ein politisch bequemer Gegner.

Gesundheit als Begründung
Auch als die Preisspirale immer höher drehte, änderte sich die Argumentation nicht grundlegend. Steuererhöhungen dienten nun vor allem dem Gesundheitsschutz. Das Rauchen sollte unattraktiver gemacht und die Menschen vor den Folgen des Tabakkonsums bewahrt werden. Auch beim Produkt selbst wurde reguliert. Und wenn die Politik wieder einmal einen Sündenbock benötigte, waren die Raucher schnell zur Stelle: Rauchverbot hier, Rauchverbot dort.

Jetzt ist die Cigarre dran
Nun verschiebt sich der Fokus. Auch die Cigarre soll stärker steuerlich belastet werden. Gegen eine moderate, nachvollziehbar begründete Anpassung wäre grundsätzlich wenig einzuwenden. Das Problem liegt jedoch in den möglichen Folgen einer solchen Politik für die Unternehmen am Ende der Vertriebskette. Denn hinter den Produkten stehen nicht nur Konsumenten und Steuereinnahmen. Dahinter stehen auch Fachgeschäfte, Unternehmer und Beschäftigte – vielfach Menschen, die ihre Betriebe über Jahrzehnte aufgebaut haben.

Kleine Betriebe, große Folgen
Viele dieser Unternehmen beschäftigen weniger als zehn Mitarbeiter. Sie verfügen weder über die Strukturen großer Konzerne noch über umfangreiche finanzielle Reserven. Wenn ein solches Unternehmen wirtschaftlich unter Druck gerät, gibt es in der Regel keinen Sozialplan, keine Abfindungsprogramme und keinen großen Konzern, der die Verluste über Jahre hinweg auffangen kann. Betroffen sind kleine Unternehmen. Unternehmer, die viel gearbeitet und sich über Jahre hinweg ein Fachwissen aufgebaut haben. Beschäftigte, die ihre Kunden kennen und ihre Branche verstehen. Menschen, deren berufliche Existenz unmittelbar vom Erfolg ihres Geschäfts abhängt.

Die leise Schließung
In großen Konzernen werden Stellenstreichungen öffentlich bekannt gegeben. Kamerateams stehen vor Werkstoren, Gewerkschaften äußern sich und Politiker geben Stellungnahmen ab. Wenn hingegen ein kleines Tabakfachgeschäft schließt, geschieht das meist deutlich leiser. Irgendwann bleibt die Tür geschlossen. Das Schild verschwindet. Ein Geschäft, das vielleicht über Jahrzehnte Teil einer Stadt oder eines Viertels war, ist plötzlich nicht mehr da. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stellt sich deshalb die Frage, ob weitere steuerliche Belastungen tatsächlich die richtige Antwort sind. Wenn Verbraucher ihr Geld zurückhalten und Unternehmen bereits mit steigenden Kosten und unsicheren Rahmenbedingungen kämpfen, kann eine zusätzliche Belastung die Situation für kleine Fachgeschäfte weiter verschärfen.

Zeit für den Blick in den Spiegel
Doch bei aller Kritik an der Politik muss sich die Branche auch selbst fragen: Was haben wir eigentlich getan, als sich diese Entwicklung bereits abzeichnete? Vor zwei Jahren bat die Europäische Union um Stellungnahmen zu geplanten Regelungen. Bürger, Unternehmen und Verbände hatten die Möglichkeit, sich schriftlich zu beteiligen. Die Möglichkeit zur politischen Einflussnahme war also vorhanden. Doch wie viele haben diese tatsächlich genutzt? Ich erinnere mich an einen Kommentar, den ich damals selbst in mehreren geschlossenen Gruppen auf unterschiedlichen Plattformen veröffentlicht hatte. Die Antwort darauf lautete sinngemäß: „Das gehört hier nicht her, dafür haben wir eine Spaßgruppe.“ Damals konnte man darüber vielleicht noch schmunzeln. Heute stellt sich allerdings eine andere Frage: Warum lacht eigentlich niemand mehr? Denn aus vermeintlicher Politikferne kann sehr schnell ganz konkrete Betroffenheit werden.

Jetzt ist Handeln gefragt
Nun gibt es eine Petition. Diese ersetzt keine politische Diskussion und löst auch nicht automatisch jedes Problem. Sie bietet jedoch die Möglichkeit, öffentlich zu zeigen, dass die geplanten Belastungen nicht einfach hingenommen werden. Wer bis hierhin gelesen hat, hat bereits Zeit investiert. Der entscheidende Schritt ist jetzt, die Petition zu unterzeichnen. Denn wenn der Schurke wieder aus dem Wandschrank geholt wird, sollte er nicht jedes Mal allein dastehen.

https://openpetition.de/bcyyb

Ihr/Euer
Thomas Geißler
Inhaber ‚Zigarrenkombinat Eisenach‘ und Vertriebsleiter ‚Les Privatiers‘
https://www.facebook.com/61575820403417/