Die Reutzel-Kolumne
‚Track and Trace‘ stigmatisiert die Branche
(Kolumne) ‚Track and Trace‘ – ein unscheinbarer 2D-Industriestandardcode auf Tabakprodukten, der die Gemüter der Tabakproduzenten und -verarbeiter, Händler und Endverbraucher erhitzt. Auch Konsumenten stellen sich die Frage, warum die Tabakpreise in der EU weiter steigen.
Ausgangspunkt ist die WHO-Initiative „Framework Convention on Tobacco Control”. Diese wurde in eine europäische Produktrichtlinie übernommen, um Schmuggel zu bekämpfen. Seit 2019 sind alle Handelsteilnehmer verpflichtet, sich auf Grundlage der Tabakproduktrichtlinie (TPD aus dem Jahr 2014) zu registrieren. Für Cigarren- und Pfeifentabak galt die Umsetzung bis zum 20. Mai 2024, Händler hatten bis zum 19. Mai 2026 eine (strafbewehrte) Übergangsfrist zum Abverkauf nicht registrierter Ware. Dies ist die sehr verkürzte Basis von ‚Track and Trace‘. Schmuggel ist bei Zigaretten, Feinschnitt und Shisha-Tabak zur Steuervermeidung bekannt, jedoch nicht bei Cigarren und Pfeifentabak. Die Branche fühlt sich zu Unrecht stigmatisiert.
Der technische Ablauf ist kompliziert und wird verkürzt dargestellt. Der 2-D-Code muss bei zwei von drei Beschädigungen noch scanfähig sein. Allein für diese Anforderung benötigt man teures Equipment zum Erstellen. Die ‚Track and Trace‘-Registrierung erfolgt in jedem Land separat, in Deutschland durch die Bundesdruckerei. Die Hersteller müssen sich aber in jedem Land, das sie beliefern möchten, separat bei entsprechenden Stellen kostenpflichtig registrieren. Das dauert heute immer noch sehr lange. Praktisch bedeutet das, eine Tabakmischung in Deutschland, mit einem ‚Track and Trace‘-Code, benötigt für weitere EU-Länder jeweils einen weiteren kostenpflichtigen ‚Track and Trace‘-Code für den Empfänger. Gehen 100 Dosen eines Produktes nach Italien, muss die Firma beim italienischen Registrar einen Code für diese Dosen anfordern. Also Mehrfachkosten und hoher Zeitaufwand.
Carsten Schulze, zuständiger IT-Manager Kopp Tobaccos in Rellingen, sagt dazu: „Diese ganzen Daten wandern zudem in ein EU-Data-Repository mit Redundanzstufe 4 und dreifacher Ausfallsicherheit!“ Dies definiert und garantiert die komplette Rückverfolgung der Lieferkette. Die Infrastrukturkosten werden auf die Hersteller und Händler umgelegt. Zudem muss der Händler sein Kassen- und Warenwirtschaftssystem zur Aufnahme dieser Daten aufrüsten. Allein hierfür können, je nach System, Summen im fünfstelligen Bereich beim Tabakhändler anfallen. Ergo: Kann der Händler ‚Track and Trace‘ nicht aufnehmen, registrieren und speichern, darf er nicht verkaufen. Oder er wartet auf den Code des ausländischen Registrars, hat die Ware im Lager, kann sie aber nicht verkaufen. Zudem sind Codes nur sechs Monate gültig. Wird eine Charge innerhalb dieses Zeitraums nicht verkauft, müssen kostenpflichtig neue Codes angefordert werden. Das gilt auch für den Tabakhändler vor Ort. Daraus lassen sich manche Lieferengpässe erklären. Der gesamte Prozess ist sehr fehleranfällig, auch bei der Datenerfassung. Sind die Labels nicht konsistent, müssen neue angefordert und gedruckt werden.
Fazit: Das System, das eigentlich als wirksames Mittel gegen den illegalen Tabakhandel gedacht war, ist über das Ziel hinausgeschossen. Angesichts des Margendrucks wird sich ein Hersteller von Pfeifentabak, der in Deutschland mittlerweile ein Nischenprodukt ist, überlegen, wo er Prioritäten setzt. Die letzten Konzentrationsprozesse in der Branche zeigen den Weg. Die Cigarrenfraktion scheint es im Moment jedenfalls besser zu haben.
Ihr/Euer
Markus Reutzel
https://www.pipeandart.de/
