„What I say – die Besserwisser-Kolumne“: ‚Very British‘ im Tabakwarenfachgeschäft

Engländer stehen auf Schlangestehen in Perfektion – Abstand mit Anstand lernt man auf der Insel

(sp) „Schlangestehen ist eine Kunst für sich, besonders in England. Denn auf der Insel hat man zu diesem Thema ganz eigene Vorstellungen und darüber hinaus konkrete Regeln. Sie fragen sich nach dem Grund? Sie denken, dass es sich um eine banale Angelegenheit handelt? Weit gefehlt! Für Engländerinnen und Engländer gehört zum richtigen Einreihen in eine Warteschlange ein gehöriges Maß an Ernsthaftigkeit und Disziplin. Fast drängt sich der Gedanke auf, es erfordere zunächst den Abschluss eines Lehrgangs, um alle Vorgaben zu Abstand, Blickkontakt und ungewollten Berührungen zu verinnerlichen. Ganz so kompliziert ist es dann doch nicht und wir können in der Ellenbogengesellschaft, die sich hierzulande großer Beliebtheit erfreut, eine ganze Menge von den Gepflogenheiten der englischen Bevölkerung lernen“, so ein Aufsatz aus dem „British-Magazin“.

Unnötige Tradition oder ein Zeichen der Gleichberechtigung?
Und weiter: „In England scheint es noch so zu sein, dass die Menschen gerne an ihrer Regel festhalten, die Dinge fair zu handeln und für Solidarität und Gleichberechtigung zu stehen. Wird in Deutschland eine neue Kasse in einem Supermarkt geöffnet, stürzen alle gleichzeitig darauf zu und schubsen sich unter Umständen sogar zur Seite. Für die Briten ein absolutes Unding! In England reiht man sich ordentlich ein. Vordrängeln ist ein Tabu! Stellt sich also die Frage: Schadet es uns wirklich, ein wenig Tempo aus der Hektik des Tages zu nehmen? In unserer schnelllebigen Zeit, in der jedes noch so kleine Bedürfnis sofort befriedigt werden will, in der jede und jeder sich häufig nur selbst im Blick hat und nicht auf andere achtet, tut es doch vielleicht ganz gut, wenn man gezwungen wird, einfach nur zu warten.“

Alles „Globale Denke“? Auch in DACH geht es am Tatort Ladentheke gepflegt zu – in den Genusstempeln der „Débitant de Tabac“
Lebensmittelmarkt und Tanke, da stimmt es mit der Kampfansage in der „Schlange“ an der Kasse. Beim Arzt und bei Behördengängen wird auch eifrig geschummelt – und manchmal kocht dort die Stimmung über. Aber halt: In den feinen, gepflegten Tabakoasen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz genießt man den Erwerb bekannter oder neuentdeckter Verführerinnen und Verführer aus Humidoren und reservierter Schubladen für Cigarren, Tabake und Pendants auch beim „Anstehen“. Und Schlange? Das hört sich ja bereits vor dem Anstehen giftig an. Mit dem Nachbarn, es darf auch die Nachbarin sein, vor dem Tresen über seinen geplanten Kauf diskutieren, sich gegenseitig einstimmen auf das oder die Neue – bei diesem Gedankengang macht das Einkaufen schon jetzt Freude. Wenn wir, die Connaisseurs dieser Welt, diese Erkenntnisse und Entdeckungen anlässlich der Besuche in unseren Tabakwarentempeln nur ein wenig in den täglichen Einkaufsmarathon der Normalos weitergeben könnten. Man kann es versuchen, echt. Man wird zum Außenseiter, von einigen aus der „Schlange“ zum bewunderten Außenseite, für andere ein …, oh pardon geht hier nicht. Lassen Sie es uns in Zukunft doch ein bisschen wie die Briten machen und deren Fair-Play im Wartebereich auch auf unsere Kultur des Wartens überschwappen. Anstehen, ohne zu schimpfen und zu drängeln, die Intimsphäre der anderen wahren, Rücksicht aufeinander nehmen, darauf achten, dass sich niemand vordrängelt und vielleicht auch einfach mal jemandem den Platz freihalten, der zur Toilette muss, anstatt sofort aufzuschließen und zu rufen: „Weggegangen, Platz vergangen!“ Übrigens französisch geht auch: „Vivre et laisser Vivre“ – Leben und leben lassen.