Nachgefragt bei Jürgen Deibel – dem Botschafter feiner Geister

Kultur im Glas und aktuelle Spirituosentrends sind unser Thema

(sp/Promo) „Eine Spirituose ist Genussmittel, Kulturgut und Wirtschaftsfaktor in einem. Nur wer diese drei Aspekte gleichermaßen würdigt, wird sein Produkt erfolgreich am Markt lancieren. Um aus einer Spirituose einen Bestseller zu machen, benötigt man Fachkompetenz, Erfahrung und Liebe zum Objekt“, dies ist ein textlicher Auszug von der Website unseres aktuellen Gesprächspartners Jürgen Deibel unter der smokersplanet-Rubrik Nachgefragt.

Der professionelle Unternehmensberater, Ausbilder und Referent Jürgen Deibel gilt als einer der bekanntesten Fachleute in der Welt der Spirituosen. Der diplomierte Chemiker genießt einen exzellenten Ruf als Berater von großen Markenanbietern, als Ausbilder für Gastronomie, Groß- und Einzelhandel sowie als Fachautor. Deibel ist auf internationalen Messen und Symposien ein viel gefragter und begeisternder Referent.

Wie im Kommentar der vergangenen smokersplanet-Ausgabe zugesichert, vertiefen wir in dieser Woche das Thema Genusserlebnisse noch einmal und stellen den Genuss feiner Spirituosen in dem Mittelpunkt unserer Nachgefragt-Rubrik.

sp: Wir haben in den letzte Wochen in unseren Medien an prominenter Stelle reichlich über den Genuss schlechthin und das Thema Lifestyle diskutiert. Jetzt wollen wir explizit auf den Spirituosengenuss eingehen. Ein Markt der so viel Bewegung hat, wie selten zuvor. Wie kommt das, dass Spirituosen eine neue, positive Wahrnehmung bekommen haben?

JD: Spirituosen haben in den letzten Jahren deutlich an Renommee gewonnen. Cognac und Armagnac waren schon immer hoch angesehen, doch erst mit dem Whisky und Whiskey hat sich dieses auch einer breiten Bevölkerungsschicht eröffnet. Waren vor vielen Jahren noch Weindegustationen angesagt, so sind es heute Whisk(e)y oder Gin Degustation. Spirituosen werden bewusster getrunken, der Austausch über die Sorten und Marken gehört heute zum guten Ton dazu. Aber auch das bewusstere Konsumieren von weniger, aber dafür hochwertigeren Getränken hat der Spirituose geholfen. Spirituosen werden hinterfragt und die Geheimnisse der Herstellung, die Geschichte und oftmals Anekdoten stehen im Mittelpunkt. Auch dies macht viel der heutigen Bedeutung von Spirituosen im Allgemeinen aus.

sp: Anlässlich des Habanos Days in Kassel sprachen wir über die Entwicklung des Gins. Noch immer drängen Start-Ups auf den Markt. In einen bereits gesättigten Markt, wie wir meinen. Wie gehen die Profis (Bertender/Gastronomie) damit um und wie reagiert der Verbraucher auf diese Entwicklung?

JD: Die Gin-Entwicklung ist definitiv keine gesunde Entwicklung mehr. Immer mehr Marken (und Pseudohersteller) drängen auf den Markt, oftmals von dubioser Qualität und ausschließlich geprägt von Marketing und PR anstelle von Qualität. Ich kann heute auf Etiketten oftmals nicht einmal mehr erkennen, welche Produktionsweise einem Gin zu Grunde liegt, so dass die Befürchtung immer stärker wird, dass einfach nur noch Aromen und Alkohol zusammengeschüttet werden. Dies hat mit klassischer, guter Ginherstellung oft nichts mehr zu tun. Zudem steigt die Zahl der Ginmarken, die in Lohndestillation hergestellt werden und wo nur noch das Marketing und die Ausstattung zählt. Man sieht heute mehrere Entwicklungen: einerseits ist der Gin-Hype im „on-trade“ mittlerweile in den ländlichen Regionen angekommen. In den Städten oder Großstädten will man in den Bars oftmals nichts mehr davon hören und hat bereits seine Range für die Bedürfnisse der Bar zusammen. Oder schaut nach den neuen „In“ Kategorien wie Aquavit oder Kornbränden. Im Handel sieht es anders aus: hier wächst die Zahl der Gins auf den Regalen weiter an, da nun die „Home-Consumption“ im Vordergrund steht. Hier wird noch Wachstum sein, doch ist das Ende der unzähligen Ginmarken und -varianten absehbar. Das heißt aber nicht, dass unser guter Gin nicht weiterhin faszinieren wird, aber die Zahl der Glücksritter, welche nur auf den Zug des Gins für schnelles Geld aufgesprungen sind, wird abnehmen und wir werden eine gesunde Zahl an Marken finden. Wie lange dies noch dauern wird, ist aber von der Verführbarkeit der Verbraucher abhängig. Sollte sich auch dort durchsetzen, dass man wissen will, was man trinkt und wo es herkommt bzw wer es produziert, kann dies schnell gehen. Wird aber weiter ohne Nachfrage und Qualitätsüberprüfung nur nach „neuem USP“ getrunken, stehen uns weitere Jahre des Gin-Hypes ins Haus. Ich hoffe auf die Verbraucher und ihren Wunsch, Qualität vor Marketing und PR zu setzen. Dann verschwinden etliche Marken von ganz alleine und der Markt bereinigt sich ähnlich dem Vodkamarkt vor einigen Jahren.

sp: Wie Sie schon einmal von Ihnen angedeutet, platziert sich aktuell der Wermut neu. Alles Marketing oder hat der Klassiker wirklich neue Freunde gefunden?

JD: Wermut oder Vermouth ist ein Klassiker der sich derzeit neu erfindet. Dies ist einerseits Teil der Barkultur wo diese Produkte wieder in den Fokus der Bartender/innen gekommen sind, andererseits aber auch an einem veränderten Genussverhalten einiger Gesellschaftsschichten, welche sich derzeit auf „low-alcohol“ Drinks fokussieren. Man wird beobachten müssen, ob und wenn ja, wie, sich diese Kategorie entwickelt. Auch Sherry und insbesondere Portwein und Madeira bekommen in diesem letztgenannten Zusammenhang derzeit wieder mehr Aufmerksamkeit vom Genießer.

sp: Und dann noch die Frage, wie entwickeln sich Cognac und Brandy im Umfeld von Rum und Whisky bei den Connaisseurs?

JD: Cognac und Armagnac entwickeln sich international, insbesondere in USA und Asien sehr gut. Das wird mittelfristig auch wieder Einfluss auf unser Trinkverhalten haben. Ich glaube, dass beide Kategorien, ergänzt zum Beispiel um Pineau (de Charente), der Traube und Ihrer Destillate eine Renaissance bringen werden. Schon heute sieht man in den Menükarten der Bars Cognac-basierte Cocktails wieder verstärkt, doch wird es noch ein langer Weg sein, Cognac (und Armagnac) wieder auf das Niveau zu bringen, was ihnen gebührt. Hier müssen wir vielleicht auch diese Kategorien mit ihren neuen Produkten und Herstellern zuerst wieder neu für uns entdecken.

sp: Gibt es neue Kategorien, die unsere Aufmerksamkeit verdienen?

JD: Der Spirituosenmarkt orientiert sich immer wieder neu. „Alte“ Kategorien werden neu entdeckt oder neu interpretiert. Derzeit ganz stark im Kommen an den Bartresen im Norden (und verstärkt auch im Süden) ist Aquavit (oder der dänische Akvavit) mit dem sich nicht nur der pure Genuss verknüpft, sondern mit den neuen Sorten auch die Anwendung in Longdrink und Cocktail. Wenn wir gelernt haben, dass Aquavit und Akvavit nicht in das Tiefkühlfach gehören, werden wir diese Spirituose des Nordens erst vollständig neu entdecken können. Auch Weinbrände, ob aus Spanien oder Deutschland finden langsam wieder Beachtung beim Konsumenten und den Genießern. Die Vielfalt und einige neue Abfüllungen sollte man nicht unbeachtet lassen. Rum und Rhum entwickeln sich, neben Whisky und Whiskey, ebenfalls hervorragend. Man sollte hier verstärkt auf einige neue Herkunftsländer der Destillate schauen und sich zum Beispiel auch einmal an einen Rum von den Fidji Inseln oder aus Südamerika oder Asien herantrauen. Es gibt viel zu entdecken!

sp: Vielen Dank – und dann gehen wir mal für unsere Leser auf Entdeckungsreise.

Jürgen Deibel
Deibel Consultants GmbH
International Independent Spirits Consulting
Rischweg 1
30559 Hannover, Germany
Mehr zu Jürgen Deibel auf http://www.deibel-consultants.com

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