Industriekultur im Lahn-Dill-Kreis: Hier und heute die Cigarrenfabrik Rinn & Cloos (Heuchelheim)

Zu den weiteren Cigarrenherstellern im Lahn-Dill-Kreis zählten die Gail’sche Tabakfabrik (Gießen), die Tabakfabrik Niederehe & Sohn (Marburg) und die Haas’sche Tabakfabrik (Dillenburg)

(LD) Das 19. Jahrhundert war die Hochblüte der Cigarrenindustrie. Die Cigarre war relativ teuer, so dass sie hauptsächlich von mittleren und höheren Bevölkerungsschichten nachgefragt wurde. Daneben waren Pfeifentabak und Kautabak sehr beliebt. Mittelhessen war eines der Deutschen Zentren der Tabakindustrie, da vor allem im Hessischen Hinterland und im Westerwald viele Frauen und Jugendliche ein Zubrot zum Familieneinkommen verdienen konnten. Im Raum um Gießen gab es im 19. Jahrhundert über 30 Tabakfabriken.

In der Cigarrenfabrik Busch & Mylius hatte Ludwig Rinn (1870 – 1958) die Cigarrenfabrikation erlernt. 1895 gewann er den Holzhändler Heinrich Wilhelm Cloos (1856 – 1920) als Kapitalgeber und machte sich in Heuchelheim unter der Firma Rinn & Cloos selbständig. Als Nachzügler in der Tabakindustrie Mittelhessens litt das zunächst sehr erfolgreiche Unternehmen bald unter das Einfuhrverbot und Zwangsbewirtschaftung im Ersten Weltkrieg, so dass die Fabrikation 1919 unterbrochen und das Personal entlassen werden musste. Da Cloos bereits 1920 verstorben war, wandelte Rinn das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um, wobei sich alle Aktien in Familienbesitz befanden.

1926 war die Produktion wieder angelaufen und Rinns preiswerte Cigarren zählten bald zu den beliebtesten in Deutschland. Rinn erwarb Tabakfabriken in Bünde und in Minden. Einen weiteren Standort hatte er bereits 1914 in Botterode (Thüringen am Fuße des Inselbergs) errichtet, wo seit dem 18. Jahrhundert die Tabakindustrie der Haupterwerbszweig war. Zweigstellen gab es in Alten Buseck, Daubringen, Fellinghausen, Frankenbach, Garbenteich, Großen Linden, Londorf, Rodheim, Staufenberg und insgesamt 36 Filialen. 1927 errichtete Rinn eine Stiftung für Hinterbliebenenunterstützung und Pensionszuschüsse. Da die Zukunft der Tabakindustrie ungewiss war, erwarb Rinn 1932 aus der Konkursmasse die Gießener Maschinenfabrik Heyligenstaedt AG als zweites Standbein.

Das ab 1933 geltende Maschinenverbot für die Cigarrenindustrie traf Rinn nicht existentiell, da er viele Heimarbeiter in der Region unter Vertrag hatte, erforderte aber eine Rückbesinnung auf die früheren Produktionsmethoden. Stärker wirkten sich die Änderung der Nachfrage nach der billigeren Zigarette aus, zu deren Produktion gerade ein hoher maschineller Aufwand erforderlich gewesen wäre. Mit Kriegsbeginn lockerten sich zwar die Bestimmungen über den Maschineneinsatz, aber das Einfuhrverbot für ausländische, insbesondere amerikanische, Tabaksorten erzwang eine Drosselung der Produktion. Der Übernahmeversuch einer Elsässischen Tabakmanufaktur 1941 scheiterte. Das damals in dem von Deutschland eroberte Elsass tätige Unternehmen, hätte, in Betrachtung der nachkriegsbedingten Situation, auch keine erfolgreiche Lösung der Cigarrennachfrage gewesen. 1944 wurde das Werk in Heuchelheim bei einem Luftangriff weitgehend zerstört.

Nach dem Krieg versuchte Rinns Neffe, Hans Rinn, die Produktion wieder aufzunehmen. Den Betrieb in Thüringen. Es kam auch wieder zu einem gewissen Aufstieg, da mit zunehmendem Wohlstand älteren Herren nach dem Vorbild berühmter Männer, wie Bundespräsident Theodor Heuss oder Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, gerne wieder zur R & C Cigarre griffen. Die freiwerdende Kapazität des Fabrikgebäudes wurde durch den Erwerb des Kamerahersteller Minox (Spionagekamera) wiederbelebt. Doch auch diese Aktivitäten konnten den Untergang des Unternehmens nicht verhindern. 1986 wurde die Maschinenfabrik Heyligenstaedt verkauft und 1988 musste Minox einen Vergleich mit den Gläubigern beantragen. Auch der tiefgreifende Wandel im Tabakkonsum führte 1991 zum Verkauf von Rinn & Cloos an den Tabakproduzenten Dannemann in Lübbecke/NRW. 1992 wurde die Produktion in Heuchelheim eingestellt. Die Gebäude wurden verkauft und das Gelände zu einem Gewerbepark Rinn & Cloos umgewandelt. Dort siedelten sich Künstler, sowie kleine und mittlere Gewerbebetriebe an.

Moden kehren immer wieder zurück, auch das Rauchen von hochwertigen Cigarren erlebte eine Renaissance. 1994 gründete Steffen Rinn, Enkel von Ludwig Rinn, unter dem Namen Don Stefano eine Cigarrenmanufaktur und knüpfte damit an die einst ruhmreiche Tabakindustrie im Gießener Land an. Das Wagnis ging auf, denn schnell fand er potente Abnehmer.

Dieser Beitrag entstammt der Informationsquelle der „Industriekultur Lahn-Dill, die Inhalte wurden von smokerspress übernommen.

Mehr dazu geben Steffen Rinn und sein Sohn Matthias gerne persönlich weiter. Sei es vor Ort in Heuchelheim, bei Cigarrenevents (die hoffentlich bald wieder stattfinden) oder in Pressegesprächen.

Bei smokersnewsTV haben wir drei Video ausgeguckt, die wir Ihnen zur Ergänzung des obigen Beitrags empfehlen:

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